Ein Twitterer aus Bern unter Pandas in Zürich

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Don’t get down on your knees, Anna.

Anna sitzt neben mir. Ein leidvoller Gesichtsausdruck verzieht ihre Züge und sie redet verzweifelt auf mich ein: „Ich weiss ja gar nicht mehr, wie ich etwas richtig mache! Meiner Freundin, die total in der Scheisse sitzt, weil ihre Mutter sie jahrelang verhätschelt hat, kann ich nicht helfen. Ich habe kein Geld, dass ich ihr geben könnte, damit sie ihre Schulden begleichen kann! Oder Zeit um auf ihr Kind aufzupassen, damit sie lernen kann hab ich auch nicht! Und überhaupt! Wenn ich in der Migros steh und Essen kaufen will, dann weiss ich gar nicht, worauf ich achten soll! Ich möchte doch gern ökologisch sinnvoll einkaufen! Ich möchte Lebensmittel aus der Region! Und aus fairem Handel! Saisongerecht soll es sein! Und dann soll es noch möglichst gesund und unbearbeitet sein! Aber Geld hab ich keines! Ich studiere und kann es mir nicht leisten, immer nur das Teuerste im Reformhaus zu kaufen! Manchmal gehe ich mit leeren Händen nach Hause und bleibe hungrig: weil ich einfach nicht mehr weiss, wie ich das alles berücksichtigen soll. Herrje, ich will doch radikal sein! Ich will etwas bewegen in dieser verdammten Welt!“

Ich schaue sie lange an und sage nichts. Jedes Mal wenn ich den Mund aufmache, schiesst Anna erneut frustriert los. Ich merke, wie hilflos sie sich fühlt und ich spüre ihre ungebremste Energie, die sie bereit ist, dafür zu investieren. Ich nicke und seufze. Ihre hohen Ansprüche an sich und die Welt kenne ich nur zu gut.

Ich erkenne mich wieder in Annas Worten. Sie erinnert mich an mich selbst vor ungefähr fünf Jahren. Ich grüble darob, ob ich resigniert habe oder ob ich schlicht und einfach meinen Fokus geändert hab. Weil ich irgendwann feststellen musste, dass ich so nirgendwo ankomme. Und dass ich keine Energie habe für alles das, was im Moment geschieht, weil ein so grosser Teil meiner Energie irgendwo im Nichts versandete.

Irgendwann verebben Annas erhitzte Worte. Sie wird still und schaut mich an. Fragend, enttäuscht und hilflos zugleich.

Dann traue ich mich meinen Mund aufzumachen. Ich sage ihr, dass ich denke, dass wir die Welt nur verändern können, wenn wir bei uns selbst anfangen. Das klänge zwar bescheuert abgelutscht, scheint aber tatsächlich so zu sein. Irgendwann vor nicht allzu langer Zeit hätte ich beschlossen mehr Fokus auf den Moment zu richten, und auf meine direkte Umgebung. ‚Die Welt‘ wäre vielleicht gar nicht diese grosse Welt, mit der wir den Globus und seine dazugehörige Atmosphäre betiteln, sondern bloss die bescheidene Welt, in der wir uns täglich bewegen. Ich habe festgestellt, dass ich niemanden retten kann – egal wie schlecht es ihm geht. Ich kann nur da sein und zuhören. Ich kann vielleicht für ihn kochen, oder mit ihm spazieren. Ich kann in einem Moment bloss darüber entscheiden, ob ich jemandem zuhören möchte, ob ich Zeit dafür habe und ob ich das möchte. Ich kann ihn nicht an den Haaren zum Arzt ziehen, von dem ich denke, dass er ihm helfen könnte. Ich kann ihn nicht zwingen mit dem Trinken aufzuhören. Ich kann ihm kein Geld geben, seine Gläubiger zu bezahlen. Ich kann, anstatt zu versuchen in Afrika ein aidskrankes Kind zu heilen, mit dem Kind meiner Freundin spielen – die manchmal keine Zeit und Nerven dafür hat. Oder ich kann leidenschaftlich und zufrieden meinem Beruf nachgehen, und diesen so gut wie möglich verrichten. Und ich habe auch kein Rezept, wie man politisch, ökologisch, gesund und saisonal korrekt einkauft.

Aber ich habe gemerkt, dass ich, wenn es mir gut geht, mehr Kapazität für andere Menschen habe. Dass mein Wohlbefinden einen direkten Einfluss hat auf die Anderen. Und dass es mir besser geht, wenn ich nicht zu streng bin mit der Welt und mit mir. Dass ich Kompromisse eingehen darf. Dass ich mich nicht ständig ablenken lasse durch all die Informationen und Ideale, Ratschläge und Angebote, die mir zur Verfügung stehen. Dass ich mich von der dicken Verpackung befreie musste, um zu hören, was ich in einem bestimmten Moment tatsächlich will und brauche.

Ich grinse nun. Fange schallend an zu lachen und rufe hysterisch: „Wie einfach das alles klingt! Verdammt!“. Dann fängt auch Anna an zu lachen.

„Recht hast du Anna! Unbedingt notwendig seid ihr, diese aufrührerischen, anspruchsvollen und kompromisslosen Menschen mit Veränderungsdrang für die Welt!“ Ich lache noch immer.

Dann steht Anna auf und sagt: „So, ich habe hunger. Ich hole mir jetzt einen Döner.“

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